Zurück zu Dueck – Auf Ochsen(Tor)Tour mit dem Innovator

dueck15 Artikel

Vor kurzem hatte ich bereits hier über das aktuelle Buch von Gunter Dueck geschrieben und es jedem, der mit Innovationen aktiv zu tun hat, wärmstens empfohlen. Und wer Zeit und Muße hat möge sich doch bitte zudem mit den vielerlei Vortragsvideos von Herrn Dueck im Netz vergnügen – Sie werden anschließend schlauer sein als vorher, versprochen. Eine Botschaft kristallisiert sich dennoch nach und nach heraus: Nicht nur das WAS ist bei Innovationen entscheidend, sondern auch das WIE in der Umsetzung. Anlass für mich noch einmal nachzubohren und ein Interview Face to Bildschirm zu führen.

Wäre „Innovation“ und „Veränderung“ eine Behandlungsmethode, so würde sie sicherlich abgeschafft werden, denn die theoretischen Erfolgschancen auf eine Heilung sind doch laut Statistik eher gering. Dennoch: Ohne geht es nicht, Unternehmen müssen sich immer wieder selbst erneuern. Was können Sie Innovatoren zurufen, doch diese Ochsen(Tor)Tour auf sich zu nehmen und wider aller Unmöglichkeit die Reise zum Neuen anzutreten? Gibt es noch Grund zu kämpfen?

Die Freude am Neuen muss eben die Schmerzen und den Frust überkompensieren! Es gibt doch auch Extremsportler, Iron (Wo)Men oder Politiker, die den Kick der Selbstwirksamkeit über alles schätzen. Manche davon lieben die Hindernisse geradezu. „Ich bin die Tour de France mit einem Bein geradelt.“ Was rufe ich denen zu? Man sollte nicht einfach drauflos „erfinden“ oder „erneuern“, sondern es wirklich erste einmal lernen, Ideen umzusetzen, als Innovator und auch als Politiker oder Change Manager. Man übt doch wohl erst einmal ein paar Jahre Geige, bis man Konzerte gibt. Geigen sind irgendwie besser verstanden. Erziehung dagegen ist schon gut, wenn man es schafft, ein Kind zu bekommen. Genauso glauben bei Innovation viele, eine Idee und jugendlicher Schwung würden schon reichen – nun muss nur noch Geld her für „mein Baby“! Ich denke, dass über die Hälfte aller Innovationsversuche ausschließlich deshalb scheitern, weil der Innovator es „nicht bringt“.

Sie haben lange Zeit als Chef-Innovator bei IBM gearbeitet. Was sind aus Ihrer Erfahrung heraus die besten bzw. förderlichsten kleinen Tricks oder Schachzüge um die vielen, meist skeptischen, Parteien bei Innovations- oder Veränderungsprozessen für das eigene Projekt zu mobilisieren?

Sachgebiets- und Prozessempathie. Man muss verstehen, wie Juristen, Banker, Controller, IT-Experten, Manager, Berater, Politiker „ticken“, wie die Prozesse auf Neues reagieren. Sonst macht man zu viele Baustellen auf und ist bald verzweifelt, weil angeblich alle gegen einen sind. Sind sie nicht, sie sehen es nur aus ihrem Job heraus anders. Und dann eben auch noch echte Empathie für die speziellen SachgebietsLEUTE. Leider haben oft gerade Informatiker und Ingenieure so einen schwach-autistischen Touch. Sie distanzieren sich eher von anderen Lebensbereichen – sie müssen aber mitten ins Leben, wenn sie etwas bewegen wollen.

Und dann klappt es doch mal nicht. Wie geht der Mensch mit dem Scheitern um? Der Punkt der Erkenntnis nebst der Einsicht, dass es nicht klappt, nach all den Mühen und menschlichen Vertrauen erzeugt eine große Leere, vielleicht sogar Scham. Sie sagen, auch Sie sind mit Projekten gescheitert, wie haben Sie persönlich Ihr Lachen zurückbekommen, bzw. woher die Kraft genommen wieder eine neues Projekt zu starten und erneut durch den Mist zu waten?

Sehen Sie das Scheitern als einen Crashkurs in Innovation, der Ihnen beim nächsten Mal hilft. Ich empfehle noch einmal dringend, „vorher“ alle Innovation als Handwerk zu lernen. Das hebt die Erfolgswahrscheinlichkeit und ermöglicht,  auf einer viel höheren Stufe zu lernen. Es macht keinen Sinn, schon bei der Umsatzsteuererklärung oder beim Bankkredit zu scheitern, das verrät eher mangelnde Professionalität. Aber auf höherem Niveau zu sehen, was alles zum Gelingen notwendig ist, stählt ungemein. Nehmen Sie Tennis oder Samuraikämpfen. Zuerst müssen sie für sich selbst gut sein und dann „Spielpraxis“ gewinnen. Man wird eben vor allem durch Spielen besser, nicht einfach nur durch Trainieren ohne Gegner… Bei Innovationen muss man in diesem Sinne neben der konkreten Innovation (mein jetziges „Spiel“) auch immer die Metaebene im Auge haben (das Wachsen meiner generellen „Spielkunst“). Ich selbst habe auch in der Forschung immer an mehreren Projekten gleichzeitig gearbeitet. Das gibt mehr Kreativität und senkt das Risiko. Es ist dann nicht so, dass neun Jahre alles schief geht und jedes zehnte Jahr etwas gelingt. Nein, viele Projekte kommen und gehen nebeneinander, und plötzlich fühlt man: Dieses wird etwas. Einmal in zehn  Fällen Erfolg und neun Mal gelernt!

In Ihrem Buch „Das Neue und seine Feinde: Wie Ideen verhindert werden und wie sie sich trotzdem durchsetzen“ erzählen Sie anschaulich wie das Neue mit dem Alten um die Durchsetzung ringt. Hätte ein Innovator die Möglichkeit sich menschlich oder gedanklich mit Superkräften nach Wahl auszustatten, welche sollte er/sie sich aus Ihrer Sicht in den Warenkorb legen?

Weiß nicht, gibt es die Superkräfte? Ansteckendes Zutrauen? Ich muss mir das zutrauen, was ich auch leisten kann – und ein bisschen mehr. Ich muss das Zutrauen der anderen gewinnen, dass sie fühlen, dass mir viel gelingt. Und Zutrauen und Realität sollten einigermaßen übereinstimmen, wenn ich andere mitreiße, mir zu folgen… Nicht korrumpiertes mitreißendes Charisma??

Man müsste, jemand sollte mal, eigentlich…  Der Endgegner ist man dann doch meist wieder selbst. Gibt es auch bei der Wild Duck Gunter Dueck einen inneren Schweinhund – bzw. Schweineente – und wie überwinden Sie diese?

Ich habe innere Schweinehunde beim Ausfüllen von Excel-Tabellen, die nur Systeme befriedigen, aber sonst zu nichts gut sind („Bitte füllen Sie noch aus, wie der Markt Ihrer Innovation in den nächsten zehn Jahren in Afrika wachsen wird. Da planen Sie zwar nichts, das wissen wir, aber wir erfassen neuerdings auch immer Afrika mit, weil unser Wirtschaftsprüfer das gut findet.“). Da hab ich dann auch einen äußeren Schweinehund und die Arbeit daran fühlt sich an wie tiefe Sklaverei. Ich habe einen zweiten Schweinehund, dann, wenn es objektiv absolut sein muss, jemanden „in den Senkel zu stellen“. Da winde ich mich, ich war als schüchternes Kind immer dasjenige, was eher verhauen wurde – und jetzt soll ich das wieder mitmachen, wenn auch auf der anderen Seite? Ich habe versucht, mich dabei von Mitarbeitern, die so etwas gern machen, vertreten zu lassen – ja, und immer wieder „Überwindung“ geübt. Ich mache alles, was Überwindung kostet, am besten am Montagmorgen. Dann wird die Woche schön. Eisern: Montagmorgen – on the black side.

Was sollte aus Ihrer Sicht noch unbedingt gesagt werden rund um die Fragestellung „Wir kommt das Neue in die Welt“?

Innovation teilt ein wenig das Schicksal neuer Philosophien, neuer Ideale oder Religionen. Alles ist am Anfang zu weit weg von der empfundenen Realität. Man gilt als Spinner, bis man einen Dreh gefunden hat, dass Menschen sich die Realität mit dem Neuen überhaupt vorstellen können. Dieses Neue finden dann ein Prozent paar gut und die meisten schlecht. Der Innovator wird also erst verlacht und dann bekämpft, sagte auch schon Schopenhauer.  Deutsche wollen leider absolut nicht verlacht werden und schon gar nicht bekämpft… Das macht Innovation hier so schwer.

Foto von Michael Herdlein

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Gutes Interview, das ich in seinem Ansatz gut vertreten kann. Scheitern weniger als scheitern, sondern mehr als „lernen“ verstehen.

    Was ich allerdings nicht so gut finde ist die Beschreibung von Ingenieuren und Informatikern als Menschen mit halb-autistischem Touch. Ich finde diese Beschreibung unpassend, denn vielleicht _wollen_ Ingenieure und Informatiker mehr an das System denken, weil ihnen das System bewusst wichtiger ist als die Menschen. Ich lese gerade Steven Levy’s „Hackers“, in dem man von der Hacker-Ethik erfährt, die genau das beinhaltet: Sofern es möglich ist, sollte man das Beste aus dem System holen, es optimieren.
    Ich würde das jetzt nicht als autistisch bezeichnen, denn das wäre eine unbewusste Prädisposition. Die Hacker-Ethik dagegen ist eine (mehr oder weniger) bewusste Entscheidung.

Schreibe einen Kommentar